Das Erinnerungsjoch

zur Sedimentation von Geschichte

Das olympische Dorf für die Sommerspiele 2004 in Athen wurde auf einem, zuvor unbebauten, Areal im Vorort Acharnes im Norden der Stadt, am Fuße des Berges Parnitha errichtet. Die Gebäude wurden so konzipiert, dass sie nach den Spielen als sozialer Wohnraum für etwa 10.000 Menschen nutzbar sein sollten. Unter dem Areal befinden sich die Tunnel und Becken des Hadrian-Aquädukts, dessen Bau im 2. Jhr. durch den römischen Kaiser initiiert wurde um Athen mit Wasser zu versorgen. Die, das Aquädukt überziehende Gegenwart des olympischen Dorfes entspringt, als neuzeitlicher Rückgriff auf die antiken olympischen Spiele einem Bezug auf eine antike Epoche, die noch vor der Erschaffung des Hadrian-Aquäduktes liegt. Eine Bebauung dieses äußersten Randes des dicht besiedelten Athener Beckens erwies sich für Investoren lange Zeit als wenig attraktiv. Die Richtlinien zum Umgang mit antiken Strukturen sind strikt; die bürokratischen Pfade lang und unwegsam. Im Rahmen eines Vorhabens, des Ausmaßes der olympischen Spiele, bei dem Entscheidungen von Staats wegen getroffen werden, war es jedoch möglich ein Konzept für die Bebauung des Areals vorzunehmen, welches einen angemessen Umgang mit der antiken Anlage berücksichtigte.

Zur Integration der Strukturen in das Ensemble des olympischen Dorfes wurden die Zugangsschächte zu den unterirdischen Tunneln des Aquädukts freigelegt und mit plexigläsernen Hauben bedeckt. Sichtbarkeit und der Zugang für Instandhaltungen sollten so gewährleistet werden. Der unterirdische Verlauf des Tunnelsystems definiert das Arrangement der bebauten und öffentlichen, nicht bebauten Flächen des Dorfes. Ein Parkstreifen verläuft entlang dem Gefälle des Hangs. Am oberen Ende der Anlage liegt das Aquädukt vereinzelt im freien und soll durch komplexere Strukturen transparenter Abdeckungen geschützt werden. Obgleich sich der freiliegende Teil in seiner Beschaffenheit kaum vom Boden unterscheidet, da es sich lediglich um eine konkave Mulde, eine Leerstelle handelt, wird er durch das Aufsetzen der Haube als einer Konservierung- als seiner Erinnerung wert definiert. Das Aquädukt und seine schützende Bedeckung bilden eine Einheit, da die Bedeckung der einzige Hinweiß auf die, sonst nicht sichtbaren Strukturen das Aquädukts sind. Auch die Zugangsschächte zum unterirdischen Teil sind durch die, mit Graffiti und Müll überlagerten Hauben kaum wahrnehmbar, werden durch diese jedoch verortet. Es handelt sich demzufolge um Abstandshalter (Joche), die am Ort dessen, auf das sie verweisen garantieren sollen, dass inmitten der Überlagerung des historischen Ortes ein Hinweiß auf diesen besteht. Wer in die Hauben hineinblickt, sieht nicht etwa in die Antike; ihm wird modellhaft eine vertikale Anordnung von Zeit suggeriert. Die Antike liegt unter der Gegenwart, liegt unter der Zukunft. Architektonische Eingriffe gestalten die kollektive Erinnerung, indem sie sich geschichtlichen Referenzen bedienen.

Der verwehrte Aufschluss ob des Inhaltes der Hauben evoziert den Eindruck, dass nicht der Inhalt der Hauben, sondern eben die Hauben selbst archäologisch zu betrachtende Exemplare sind. Sie existieren, losgelöst von ihrer Ursache, als Verweis auf diese.

Kulturelle Erinnerung wird unter dem Einfluss des Wandels technischer Medien sowie politischer und sozialer Interessen geformt (Assmann,1999). Die Form, in der sich die technischen Medien und mit ihnen die, durch sie projizierte Konstruktion der Erinnerung wandeln steht wiederum in Abhängigkeit zu politischen Tendenzen. Der Prozess der Geschichtsformung entspricht dem der Sedimentation. Geformt durch äußere Einflüsse, wie Wetter (Geschehnisse in der Jetztzeit) und die Bewegungen anderer historischer Schichten (Neubewertung eines früheren oder späteren historischen Sachverhalts) lagert sich eine Schicht Geschichte in Form eines bestimmten Ereignisses oder eines Zeitraums ab. Hierbei verfestigen sich zunächst besonders „dichte“ (relevante) Ereignisse, während sich Ereignisse geringerer Dichte zu einem späteren Zeitpunkt (evtl. nie) ablagern und somit vorerst aus der sich formenden historischen Schicht ausgeschlossen sind. Später kann es durch Brüche und Verschiebungen der Sedimente zu Neuformungen, also Neuinterpretationen kommen.

[Nachbau des Erinnerungsjoches]

joch

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